Auf dem Rücksitz ist es schwül. Obwohl ich das Fenster eine handbreit geöffnet habe, kommt nicht wirklich frische Luft ins Auto. Meine Oberarme scheinen an dem Lederimitat des Geländewagens zu kleben. Mit dem Pulli gegen das Fenster gedrückt, will ich wenigstens ein paar Minuten die Augen zumachen.
Seit sechseinhalb Tagen bin ich in Uganda unterwegs, im Gepäck vor allem Kamera-Ausrüstung, zwei Stative, unzählige Akkus, Kassetten und natürlich die Kamera selbst. Alles in zwei Rucksäcke gepresst und mit den wenigen Klamotten umwickelt, die ich mithabe: Vier T-Shirts, eine lange Hose, Socken. Die Technik gut geschützt, damit auf den holprigen Fahrten auf Uganda Straßen nichts kaputt geht. Viel schlimmer ist aber der Staub, rot und so fein, dass er sich überall festsetzt. Auch auf meiner Haut.
Das Surren des Motors lässt mich schläfrig werden. Es ist kurz nach Mittag. Vor mir schaukelt das Wasser in der Plastikflasche hoch und runter. Noch ist was da. Erst in sieben Stunden sollen wir in Kampala, der Hauptstadt, ankommen. Ich fühle mich klebrig, würde gerne jetzt schon mal duschen. Den ganzen Vormittag über habe ich gedreht und das die ganze Zeit unter der Sonne Afrikas, die schon morgens die Wärme hat, die in Europa erst mittags erreicht wird. Ich habe Florence besucht, sie lebt in dem Örtchen „Otkwac Parish“, was so viel bedeutet wie „Das Zuhause des Leoparden“. Florence ist 32 Jahre alt, arbeitet in einer Projektgruppe in der Nähe von Lira, die vor ein paar Monaten begonnen hat, selbständig Schweine zu züchten. Die zähe Frau mit vier Töchtern ist die Vorsitzende von 30 Frauen und Männern, die alle zusammen arbeiten. Gefördert wird das Projekt vom Arbeiter-Samariter-Bund. Ihr Mann arbeitet nicht in dem Projekt, hat noch keine Arbeit gefunden. Während Florence in der Woche nicht zu hause ist, passt ihr Mann auf ihre vier Töchter auf.
Das Florence in einer Gruppe mit Frauen und Männern arbeitet, ist etwas Besonderes in Uganda. Normalerweise ist Frauen- und Männerarbeit strikt getrennt. Die harte Arbeit auf dem Feld und die Sorge um die Kinder verantworten die Frauen. Die Brüder passen zwar auf ihre Geschwister auf, aber sobald die Mädchen laufen können, lernen sie zum Beispiel Wasser zu holen. Das ist eine richtige Kunst, wie diese schlanken und filigranen Mädchen die zehn Liter Kanister auf ihren Kopf heben. Auch das habe ich auf einer der Kassetten festgehalten. Hätte ich nur vorher gewusst, dass es ganz schön weit ist, zur Wasserstelle zu laufen – bestimmt hätte ich ein paar Ausrüstungsgegenstände im Camp gelassen, statt mitzuschleppen. Egal, wenigstens habe ich heute mal gemerkt, wie anstrengend Filmen wirklich sein kann.
Ich nehme einen Schluck aus der Flasche, stecke sie zurück ins Gumminetz. Auf einmal knallt es unter mir. Heftig, denke ich, jetzt ist der Reifen geplatzt. Schon mehrer Tage Fahrt, immer wieder tiefste Schlaglöcher und Steinstraßen. Dann diese Hitze. Irgendwann gibt da doch jeder Reifen auf. Meine beiden Beifahrer, Printjournalisten, schauen sich um: „Da flog gerade was an meinem Fenster vorbei“ sagt Tobias. Lars fragt den Fahrer, was das war, aber der ist viel zu konzentriert. Wir stehen immer noch nicht ganz – es riecht abscheulich nach verbranntem Gummi, nach Kupplung, so als führe man mit angezogener Handbremse auf der Autobahn.
Als wir aussteigen, merke ich wie viel Glück wir eigentlich gerade hatten – wir haben keinen Platten, der ganze Reifen ist uns abgerissen, die halbe Bremsscheibe abgefräst. Die Tür, die ich nur noch zum Aussteigen öffnen kann, ist verzogen. „Wir hätten bei der hohen Geschwindigkeit uns auch überschlagen können“ sagt jemand. Ich bin heilfroh, dass hier, mitten auf der Asphaltstraße mehrere Stunden von Kampala entfernt, nichts passiert ist. Ab sofort ist der ugandische Fahrer unser Held. Er hat den größten Schaden abgewendet.
Es dauert ein paar Minuten, bis auch die anderen beiden Geländewagen bei uns sind. Alle hoffnungslos überladen. Aussichtslos, noch bei einem anderen zusteigen. Die Idee: Das Gepäck ausladen, die großen Taschen oben auf das Dach schnallen. Doch auch das klappt nicht. Die gelben Engel rufen, das wär´s jetzt. Doch unser Wagen ist ein Totalschaden, auch wenn man es von außen nicht sieht: Komplett verzogen.
Fünf Stunden würde es dauern, ein Auto aus der Hauptstadt hierher zu schicken, um uns abzuholen. Gefährlich, denn gerade in der Dunkelheit sterben viele Menschen auf den Straßen Ugandas, wie uns zu Beginn der Reise gesagt wurde.
Die Dämmerung steigt auf. Kinder kommen vorbei, lachen scheinbar über uns. Nein, sie freuen sich, dass wir da sind, so viele weiße Menschen, das Gepäck um den Wagen herumgestellt, sehen sie auch nicht alle Tage. Ich verständige mich mit Händen und Füßen mit den Kindern. Nach und nach wird es Nacht – und still um uns herum. Nur noch die Sterne sind zu sehen – so klar wie ich sie in Deutschland nie gesehen habe.
Irgendwann tauchen am Ende der Straße Lichter auf – und wenig später werden wir von einem Transporter abgeholt. Ein langer Tag in Uganda geht zu Ende…
Info
Sarah Lindner ist Journalistin. Mehr Infos zur Autorin unter
www.sarah-lindner.deDiese Reportage entstand mit Unterstützung durch
Aktion Deutschland Hilft.