Mit unserem Zulu-Guide Elijah begannen wir gegen 9 Uhr eine Tageswanderung durch einen Teil des Royal Natal National Parks - dem Amphitheater - eine eindrucksvolle fünf Kilometer lange Felswand, an der sich der Tugela Fall über eine 500 Meter hohe Felskante in die Tiefe stürzt. Das sichelförmige Amphitheater ist bereits aus der Ferne das markanteste Merkmal der nördlichen Drakensberge. Durch die mit unzähligen Felsbrocken übersäte Schlucht fließt der Tugela River. Unser Ziel war es, durch das teilweise ausgetrocknete Flussbett des Tugela River bis zum Wasserfall und somit ins Tal des gigantischen Amphitheaters zu wandern. Das Wetter war bereits in diesen Morgenstunden warm und sonnig, jedoch bescherte uns der Wind hin und wieder eine angenehm frische Brise. Neben atemberaubenden, riesigen Felsformationen – eine glich äußerlich dem Hut eines Polizisten - zeichnete sich der Nationalpark durch eine wunderbare Flora aus. Besonders farbenprächtig waren Protea und Flaschenbürstenbaum - beide hatten strahlend rote Blüten und kreuzten immer wieder unseren Weg. An den Felswänden hangelten sich vereinzelt Paviane hinauf. Zunächst hörten wir lediglich ihr Geschrei und später entdeckten wir sie auf Felsvorsprüngen oder in der Nähe der Wanderwege. Afrika zeigte sich hier von einer ganz neuen Seite. Die karge und trockene wüstenartige Landschaft des Nordens war einem üppigen Grün und frischer Luft gewichen.
Nach einer 3-stündigen Wanderung durch kleine Waldabschnitte und ein steinreiches, ausgetrocknetes Flussbett gelangten wir bald in die Nähe des Tugela Wasserfall. Unser Guide zeigte in die Richtung, in der sich der Wasserfall befinden sollte. Ich schaute und schaute, konnte jedoch beim besten Willen nichts erkennen. Die anderen nickten nur mit dem Kopf, während ich selbigen schüttelte und fragte, ob man mich auf den Arm nehmen wollte. Wie sich herausstellte, besaß der Wasserfall momentan kein Wasser, das sich seinen Weg in die Tiefe bahnen konnte. Er war vorübergehend ausgetrocknet... Also gingen wir dahin, wo es noch Wasser gab. Ein kleines Bächlein umgeben von zahlreichen großen und kleinen Felsbrocken spendete uns frisches Wasser zum Trinken und eine willkommene Abkühlung für die Füße.
Um den Tugela Gorge zu erreichen, musste man zunächst eine steile Felswand per Leiter erklimmen und eine kleine Kraxeltour auf sich nehmen. Von dort gelangt man durch den Gorge in einer Art Rundgang wieder zurück zum Ausgangspunkt. Drei Wagemutige - Sylvia, Manfred und ich - folgten unserem Guide. Die etwas eigenwillige, weil auch mit Ketten verbundene Leiter ließ das Adrenalin durch meinen Körper schießen. Etwas Bedenken hatte ich hinsichtlich meiner Höhenangst, aber diese schob ich schnell beiseite und kletterte zielstrebig und zügig die zehn Meter hinauf. Weiter oben erwartete uns etwas viel schlimmeres. Meine früheren Klettereien im Grand Canyon zum Mooney Fall waren umgehend allgegenwärtig, denn hier erwartete mich ebenbürtiges. Es ging steil den Felsen hinauf. Lediglich hier und da gab es in großen Abständen die Möglichkeit, an einem Metallpflock Halt zu bekommen. Zu allem Überdruss stellte sich ein riesiger Wurzelstrang des in der Nähe befindlichen Baumes in unseren Weg. Aber auch das meisterten wir. Oben angekommen wurden wir mit einem reizvollen Ausblick auf die weitläufige Umgebung belohnt.
Nach einigen Minuten offenbarte uns der Guide, dass er den gleichen Weg wieder zurück gehen möchte. Er begründete dies mit dem angeblich hohen Wasserstand in Teilen des Tugela Gorge, der es uns unmöglich machen würde, trocken am anderen Ende anzukommen. Allein der Gedanke daran, den gleichen Weg wieder zurück zu müssen, trieb mir den Angstschweiß ins Gesicht. Wir drei wollten auf jeden Fall den Tunnel durchqueren. So überredeten wir unseren Guide und etwas widerwillig stimmte er zu, es zumindest zu probieren. Umkehren konnten wir später immer noch. Frohen Mutes starteten wir bergab wandernd und sahen bald den Tunnel - und unsere nächste Herausforderung: Von einem großen Felsbrocken ging es etwa 3m steil in die Tiefe. Unten wartete tatsächlich besagtes Wasser, schien allerdings eher hüfthoch an der tiefsten Stelle zu sein. Auch durchspülte das Wasser nicht den gesamten Tunnel, sondern war nur als kleiner Tümpel an dieser einen Stelle gestaut. Aber wie sollten wir hinunter zum trockenen Teil des Tunnels gelangen, ohne vorher pitschnass zu werden? Glücklicherweise lag an unserer Seite des Felsens ein Baumstamm waagerecht im Wasser, den wir als Trittbrett nutzen konnten. Der Guide machte den Vorreiter. Er hangelte, nein vielmehr rutschte er, den steilen Felsbrocken zum Wasser hinunter und stand alsbald äußerst wackelig auf dem Baumstamm. Plötzlich begann dieser ein Eigenleben zu entfachen und bewegte sich von der sicheren Felswand weg. In seinem Gesicht stieg leichte Panik auf, die in Kürze in pures Entsetzen umschwang. Ich könnte schwören, eine leichte Blässe in seinem braungebrannten Gesicht erkannt zu haben. Elijah machte zwei große Schritte auf den Stamm in Richtung trockenes Kiesbett, wobei er die letzten anderthalb Meter in einem großen Satz hinter sich ließ. Sichtlich erleichtert, stand er im Trocknen und wartete auf uns. Bevor Manfred ihm folgte, verstauten wir alle nicht wasserfesten Utensilien in seinem Rucksack und warfen ihn unserem Guide zu. Manfred stand inzwischen auf dem Baumstamm und wartete auf den nächsten Mutigen, um ihm Hilfestellung zu leisten. Nun stiegen in Sylvia und mir leichte Bedenken bezüglich dieser Aktion auf. Wir sahen uns schon pitschnass mitten im Wasser liegen. Ich gab mir einen Ruck und ergab mich willenlos meinem Schicksal. Mit den Armen auf der Felskante gestützt, rutschte ich langsam zwischen dem Felsen und Manfred auf den Baumstamm. Je tiefer ich kam, desto wackliger wurde die ganze Angelegenheit. Als Manfred und ich beide auf dem Baumstamm standen, verloren wir beinahe das Gleichgewicht. Manfred machte einen Satz ins Wasser, stützte noch gerade rechtzeitig meinen Arm, so dass ich mit Schwung aufs Kiesbett geschleudert wurde. Auch bei Sylvia klappte alles, aber ihr entsetzter Gesichtsausdruck ob der Situation war wirklich zu köstlich. Ich wette, ich habe ähnlich geschaut. Der Guide holte durch den Tunnel einige unserer Mitwanderer zu dieser Stelle. Wir genossen den Blick hoch zum Amphitheater, durchquerten schließlich auch den Tugela Gorge, wegen dem wir die Strapazen auf uns genommen hatten und fanden - es hatte sich gelohnt!
Der Rückweg führte uns noch einmal an den gleichen Plätzen vom Vormittag vorbei. Auch ein zweites Mal war dieser malerisch schön. Das eine oder andere Tier, auch wenn es nicht die Größe eines Pavians hatte, kreuzte unseren Weg. An einem langen Stängel hangelte sich ein grau-grünes, etwa zehn Zentimeter langes Chamäleon hinauf. Putzigerweise hielt es Mucksmäuschen still, als wir näher kamen. Die Vorder- und Hinterbeine umschlossen fest den Stängel der Pflanze und sogar der lange Schwanz rollte sich mindestens einmal darum. Es war wirklich Glücksache, dass wir es überhaupt entdeckt hatten, da seine Tarnung wirklich - beinahe - perfekt war.
Anspruch
Leicht bis mittel.
Die zusätzliche Kraxeltour zum Tugela Gorge ist nicht für jeden etwas, sollte aber nicht davon abhalten, den Rest der Wanderung mitzumachen.