Wandern und Klettern sind Beispiele für klassische Outdooraktivitäten.

20.07.2009
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Name: Royal Raid Mountain Run 2/2
Location: Mauritius
Art: Trail Run
Länge: 35 km
Dauer: 6,5 h
Höhenunterschied: 2.500 m
Text & Bild: Alice Hemmer, Bilder: Naiade-Resorts

Mauritius: Ankommen heißt Gewinnen

(Fortsetzung)

Kiosk Georges River Point - 70m - km 16
Ich wusste, dass der nächste Streckenabschnitt meine ganze Aufmerksamkeit erfordern würde. Über 4.5km geht es von 70 auf 740 Meter hoch. Normalerweise wird es in der Höhe kühler, hier nur wärmer. Der Crosstrail wird sehr steil werden und meine ganze Kraft abfordern.
Neben Blasenpflaster für die Füße, Taschentücher und einer Sonnebrille habe ich auch zwei Gels und Traubenzucker eingepackt, man weiß ja nie. Normalerweise werden Gels nur von Profisportlern empfohlen, da sie schnelle Energie geben und dabei nicht den Magen belasten. Genau das richtige jetzt für mich, denke ich, da ich mir nicht vorstellen kann feste Nahrung zu mir zu nehmen. Ich reiße das kleine silberne Päckchen auf und drücke mir die klebrige dickflüssige Masse mit Apfelgeschmack in den Mund: Brrr ekelig, schmeckt wie Astronautennahrung, aber eigentlich auch nicht schlecht. Zwei, drei Wasser zum Nachspülen später wage ich mich an den Aufstieg. Ich fange wieder langsam, sehr langsam an.

Das habe ich in der Schweiz beim Bergwandern gelernt. Wenn man zu schnell losläuft, geht einem nach oben hin die Luft aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Dasselbe habe ich beim Marathon erlebt. Ich habe mich beim diesjährigen Hamburg-Marathon in die Nähe des Ziels gestellt und geschaut, wer da nach 4h noch vorbei kommt. Die Läufer die gingen, sind definitiv zu schnell losgelaufen und haben ihr Tempo nicht gehalten. Ich will langsam durchlaufen, das ist meine Strategie die mich noch auf jeden Berg gebracht hat.

Die Strategie geht auf. Während mein Herz-Kreislauf-System Höchstleistung vollbringt, komme ich gut durch. Keuchend stehen meine Mitläufer auf den Stufen aus Baumwurzeln oder halten sich an Bäumen fest. Bäume sind auch meine kleinen Pausen, in die ich mich regelmäßig für drei Atemzüge - sehr entspannend für den Rücken, sehr anstrengend für die Arme, da sie ja mein Gewicht halten müssen. Bloß nicht zu lange stehen bleiben, sonst bin ich verloren. Ich ziehe meinen Körper an den Bäumen hoch und laufe weiter. Der Weg schlängelt sich treppenartig durch das Dickicht und ich schaue nicht mehr nach oben. Einfach nur auf die Füße und auf den nächsten Schritt. Auch dieser Berg ist irgendwann zu Ende, sage ich mir. Meine längste Laufzeit in der Trainingsphase von 3h Stunden habe ich auch bereits hinter mir gelassen, ich bin in einer neuen Laufdimension angekommen und weiß noch nicht wohin sie mich führt. Wie in Trance steige ich weiter den schmalen Weg zum Gipfel auf, ohne zu sehen wo dieser sein könnte. Oben angekommen sind tatsächlich 20.5km geschafft. Es gibt Getränke, Trockenfrüchte und Suppe. Mir ist definitiv nach Salz und ich schlürfe einen Teller Champingonsuppe leer. Bloß nichts essen, das den Magen belastet. Und bloß nicht zu lange ausruhen, ich habe immer noch 14.5km vor mir.

Parakeet - 740m – km 20,5
Motiviert von der Vorstellung, dass es theoretisch nur noch Bergab geht und ich mittlerweile nicht mehr unter den Allerletzten bin, mache ich mich wieder leicht trabend auf den Weg. Wieder geht es steil bergab, sind Flussbette meine Laufstrecke und ein bis zwei weitere Flüsse gilt es auch noch zu durchqueren. Mittlerweile haben sich meine Füße an den Wechsel aus nass, kalt, heiß und trocken gewöhnt, dafür spielen meine Finger nicht mehr mit. Von Natur aus mit kleinen, zarten Fingern ausgestattet, sehe ich jetzt nur zehn dicke Würstchen und frage mich ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Egal, einfach weiter laufen. Habe ich jetzt nach 5h die Belastungsgrenze meines Körpers erreicht? Ich will durchhalten, die Strecke zieht sich. Langsam fange ich an zu zweifeln. Sind das wirklich 9km bis zum nächsten Wasserpunkt? Habe ich mich verlaufen? Im Grunde habe ich seit dem Gipfel niemanden mehr gesehen und Markierungen am Wegesrand, die mir den Weg zeigen sollen auch schon lange nicht mehr. Gab es eine Weggabelung die ich übersehen habe? Mitten am sonnigen Tage in der Natur bekomme ich Angst. Ich laufe die Angst einfach weg, einfach weiter. Und da endlich, wie aus dem Nichts: Der ersehnte Wasserpunkt und meine letzte Pause vor dem Ziel.

Watook Exit Frederica – 232m – km 29,5
Jetzt sind es wirklich nur noch 5.5km, das ist weniger als ich um die Alster laufe, das werde ich einfach schaffen. Ein letztes Mal Wasser, diesmal auch auf den Kopf und ein letztes Gel für die letzten Kilometer, diesmal Wildberry, lecker. Die Landschaft verändert sich. Führte der Raid bisher doch größtenteils durch Berg, Feld, Wald und Wiesen folgt der Weg jetzt zwei Meter hohen Zuckerohrfeldern Richtung Meer. Nach den unterschiedlichsten Bodenschattierungen und Steinen von braun bis schwarz ist die rote Erde der Zuckerrohrfelder eine willkommene Abwechslung. Und dann sehe ich auch die roten Dächer des Tamassa, mein Hotel, das Ziel, meine Dusche, mein Bett. Die Vogelperspektive lässt den Weg kürzer aussehen als er ist. Der Weg zieht sich rund um den Berg und führt mich zum Ort Bel Ombre. Die Strecke kenne ich von meinem Probelauf am Ankunftstag. Jetzt bin ich froh über den Traubenzucker, den ich im Sekundentakt in mich hineinstopfe. Ich kann nicht mehr. Wie schaffen das nur all die anderen? Ich kann nicht mehr denken. Ab jetzt funktioniere ich nur noch. 2km, noch. Mein Kopf weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist, meine Füße wissen, dass sie jetzt nicht stehen bleiben dürfen. Wo sind die Endorphine? Wo ist das sogenannte Runners-High? Ziel! Endlich, das Ziel Am Straßenrand rufen mir die Menschen aufmunternde Worte zu. Sehe ich so fertig aus? Ich lächele gequält. Es sind nur noch wenige Meter. Gleich habe ich es geschafft. Zieleinlauf. Wie ferngesteuert gehe ich weiter und bekomme meine Medaille von strahlenden Ordnern umgelegt. Ich kann es noch nicht fassen. Sechseinhalb Stunden, der erste Lauf meines Lebens.

Tamasa Hotel – 21m – km 35
Noch völlig benommen, nehme ich mein T-Shirt mit der Aufsschrift: YES I DID IT entgegen und gehe weiter Richtung Hotel. Meine Belohnung sind Massage und Pool im Spa, wie gut das tut. Etliche Läufer nutzen die Sauna, andere halten einfach nur ihre Beine in den kalten Pool. Wie schön, dass mein Hotel gleichzeitig das Event-Hotel ist, so kommt doch noch ein Gefühl von Gemeinschaft auf. Ich hatte mich ja den ganzen Tag gefragt, wann denn die Glückshormone kommen würden, langsam habe ich eine Vorstellung. Ohne diese Endorphinausschüttung wäre mein Körper überhaupt nicht in der Lage gewesen den Royal Raid zu meistern. Ich lasse den Abend angenehm ausklingen und freue mich auf das Schlafen.

The Day After
Als ich am nächsten Morgen aufstehen möchte strafen mich meine Beine mit Nichtachtung. Ich stütze mich auf die Arme um und versuche mich so aus dem Bett zu hieven. Damit habe ich nicht gerechnet und der Weg zum Frühstück kommt mir auch irgendwie länger vor. Mein Körper fordert weiterhin feste Nahrung und Ruhe. Das Frühstück macht mich dermaßen müde, dass ich gleich wieder schlafen gehe. Mein zweiter Anlauf elegant aus dem Bett zu kommen scheitert kläglich. Jetzt geht gar nichts mehr. Gestern Abend habe ich noch gelacht, als ein Mitstreiter mir anbot seine Super-Durchblutungs-Sportler-Creme zu leihen, wenn ich „nur noch rückwärts die Treppen runter gehe“.

Jetzt gehe ich tatsächlich nur noch rückwärts die Treppen runter. Im Tamassa fällt es nicht so auf, ich bin nicht die Einzige und die eingeschworene Athletengemeinde grüßt sich schweigenden Blickes mit „mir geht es genau wie dir“. Alle sind erschöpft, aber glücklich. Ich bin immer noch todmüde, denke aber irgendwie auch schon wieder über eine neue Herausforderung nach, vielleicht ein Triathlon? Das kann nur an den Endorphinen liegen…




Der Outdoor-Tester